Konzepte

"Nordsee Poesie"

Lange Zeit, über Jahrzehnte, hatten mich die Nordsee und die Möglichkeiten ihrer literarischen Darstellung immer wieder begeistert und beschäftigt, gerade auch lyrisch. Dabei entstand für mich der Eindruck, dass formal sehr unterschiedliche Texten eine Gemeinsamkeit aufwiesen: die Faszination durch die Nordsee. Angefangen bei Heinrich Heine der in seinen beiden Nordsee-Zyklen dieses Meer erstmals konzeptionell als Bezugspunkt gewählt hatte, bis zu heutigen Gedichten. Der Stimulus der Ortsbezogenheit schien (und scheint) mir bewusst gewählt und nicht bloß eine zufällige Situation zu sein, auf die insbesondere Lyriker reagieren. Endlich beschloss ich, eine Auswahl an Nordsee-Gedichten zusammenzustellen, Autorenkollegen zum Einreichen und Schreiben von Nordsee-Poesie zu animieren. Dabei beschränkte ich mich nicht nur auf die direkte Ansprache von Kollegen, sondern veröffentlichte einen Aufruf für das Projekt "Nordsee ist Wortsee", worauf ich körbeweise Nordsee-Gedichte erhielt und nun die Qual der Wahl hatte. Dass North Sea Poetry zudem im Ausland auf Interesse stieß und weiter verfolgt wurde, fand ich sehr erfreulich. Umso überraschender war es für mich festzustellen, dass ein entsprechender Terminus sich in der Literaturwissenschaft noch nicht herausgebildet hatte, nicht einmal vorläufig oder nur beschreibend. Möglicherweise begründete sich das bisherige literaturwissenschaftliche Desinteresse an begrifflicher Konzeptionierung in der (nicht zutreffenden) Überlegung, dass es im Ergebnis eine "Bindestrich-Poesie" mit regionaler Bezeichnung geworden wäre - also ein Begriff, der scheinbar willkürlich eine Gegend heraushebt, während es ja ein allgemeiner Trend ist, dass allerorts regionale Anthologien, Stadtkrimis etc. publiziert werden. Das macht jedoch Typisierungen von regionalen Literaturen nicht überflüssig, im Gegenteil. Zusätzlich stellt sich die Frage nach den Ursachen für dieses Phänomen. Aus meiner Sicht liegen der zunehmenden Betonung des Regionalen nicht bloß Marketing-Überlegungen von Verlagen zugrunde, da diese Tendenz sich ja weltweit und auch außerhalb der Literatur abzeichnet. M.E. dürfte es eher das Bedürfnis nach Identität durch Abgrenzung gegen die Globalisierung sein. Doch auch "Regional-Literatur" ist ein bisher kaum und unscharf definierter Begriff, bei dem fälschlich verallgemeinert wird, dass das Leserinteresse weniger aufgrund literarischer Qualität, sondern mehr aufgrund der lokalen Bezüge entsteht. Das mag in vielen Fällen sogar zutreffen, allerdings wird dabei übersehen, dass sogenannte große Literatur sich nie in einem abstrakten Raum bewegt, nie losgelöst von lokalen Bezügen im weiteren Sinne sein kann. Denn zutreffend geschilderte bzw. neue Sicht auf die örtlichen Gegebenheiten bilden die notwendige Basis für Empfindungen, Gedanken, Identifikation, Handlung etc. Es ist ein Qualitätskriterium, dass aus dem Kleinen der Überstieg ins Allgemeine gelingt. Aus dem Allgemeinen Allgemeines abzuleiten, ist für manche Gesetzestexte nötig, literarisch wäre es redundant und langweilig.

Oft ist es ein Dialekt oder eine Sprache, die einer regionalen Literatur als wesentliche Klammer gemeinsam ist. Doch unter den Anrainern der Nordsee sind verschiedene Sprache vertreten: Niederdeutsche Dialekte, verschiedene Formen des Friesischen, Hochdeutsch um nur einige zu nennen. Daher ist meinem Konzept der Nordsee-Poesie eigen, dass es sich nicht auf ein lokales Idiom beschränkt, sondern dass es durch die spezifische Landschaft, ihre Geschichte und Gesellschaft, ihre natürliche Schönheit neben manch zivilisatorischer Hässlichkeit, die Gefährdung der und Gefahren durch die Natur charakterisiert wird.
Landschaften der Extreme sind per se faszinierend, gerade auch für Schriftsteller und deren Leser. Und entsprechende Extreme sehe ich bei der Nordsee gegeben ? etwa durch den Wechsel der Gezeiten, wenn im Watt das Wasser sich bis hinter den Horizont zurückzieht. Ich meine also nicht nur Sturmfluten, die m.W. sogar vergleichsweise selten thematisiert werden und denen eine Betonung des Sensationellen anhaften könnte. (Interessant finde ich allerdings die Parallele zu anderen geographischen Räumen, die ebenfalls von der Natur dominiert und potenziell gefährdet werden, insbesondere zu Hochgebirgen - etwa in den vergleichbar zerstörerischen Auswirkungen von Lawinen und Sturmfluten). Aus welchem individuellen Faszinations-Grund auch immer: Von vielen Poeten weiß ich, dass sie unterschiedlichste Nordmeermomente besonders unmittelbar erleben, mit der Emotionalität, die Ideen aufsteigen lässt und zum Schreiben, zu einem Dialog mit dem Wahrgenommenen veranlasst. Und aus meiner persönlichen Erfahrung sage ich: "Die Nordsee bewegt... Gedanken, Gefühle. Nordsee macht lyrisch. Gedichte können die Vielschichtigkeit solcher Momente erfassen, ihre Magie festhalten und sie in neues Erleben verwandeln."
Natur und Lyrik sind heute gleichermaßen zu gefährdeten Spezies geworden. Dabei halte ich beide für natürliche menschliche Bedürfnisse. Möge also die Nordsee-Lyrik dazu beitragen, diese natürlichen Bedürfnisse zu erfüllen.
Und da Naturgedichte letztlich bewahren wollen, lässt sich pointiert sagen:
Nordsee-Poesie dient dem Küstenschutz.

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